Direkt zum Inhalt

Werben Sie für Rabatteinsparungen

Was passiert wenn man einen Fliegenpilz isst? Neuropharmakologische Erklärung

Was passiert wenn man einen Fliegenpilz isst? Neuropharmakologische Erklärung

Eine wissenschaftliche Beschreibung dessen, was beim Verzehr eines Fliegenpilzes im Körper geschieht, ist nicht nur akademisch interessant – sie ist auch für das Verständnis der toxikologischen Risiken essenziell. In diesem Artikel erklären wir die neuropharmakologischen Prozesse ausführlich, ohne dabei eine Anwendungsempfehlung zu geben.

Stufe 1: Aufnahme im Verdauungstrakt

Nach dem Verzehr wird der Fliegenpilz im Magen mechanisch zerkleinert und chemisch durch die Magensäure aufgeschlossen. Die beiden Hauptwirkstoffe Ibotensäure und Muscimol sind beide gut wasserlöslich und werden bereits in den ersten Abschnitten des Dünndarms schnell ins Blut aufgenommen. Die orale Bioverfügbarkeit beider Substanzen liegt zwischen 60 und 90 Prozent – ein vergleichsweise hoher Wert, der durch die polare Molekülstruktur beider Verbindungen erklärt wird.

Bereits etwa 30 Minuten nach dem Verzehr finden sich messbare Konzentrationen beider Substanzen im Blutplasma. Die maximale Plasmakonzentration wird – je nach Magenfüllung und Begleitnahrung – nach 60 bis 120 Minuten erreicht. Anders als bei vielen anderen psychoaktiven Substanzen findet kein nennenswerter First-Pass-Metabolismus in der Leber statt.

Stufe 2: Decarboxylierung im Körper

Im Körper wird ein Teil der aufgenommenen Ibotensäure spontan zu Muscimol decarboxyliert – das heißt, eine Carboxylgruppe wird abgespalten und das Molekül wandelt sich in die pharmakologisch aktivere Form um. Die Decarboxylierungsrate liegt im menschlichen Stoffwechsel bei etwa 10 bis 30 Prozent – der Rest wird unverändert über den Urin ausgeschieden.

Diese körpereigene Umwandlung ist der Grund, warum auch eine traditionelle Trocknung wichtig ist: Beim langsamen Trocknen findet die Decarboxylierung bereits außerhalb des Körpers statt, das fertige getrocknete Material enthält daher ein günstigeres Verhältnis von Muscimol zu Ibotensäure. Genau dieses Verfahren wenden wir bei unseren getrockneten Fliegenpilzen an – ausführlich beschrieben in unserem Blog Fliegenpilz Zubereitung.

Stufe 3: Passage der Blut-Hirn-Schranke

Sowohl Muscimol als auch Ibotensäure können die Blut-Hirn-Schranke passieren – allerdings auf unterschiedlichem Weg. Muscimol nutzt einen aktiven Transporter für aminosäureähnliche Strukturen; Ibotensäure passiert die Schranke vergleichsweise schlecht und langsam.

Im zentralen Nervensystem (ZNS) binden die beiden Substanzen an zwei verschiedene Rezeptorsysteme:

  • Muscimol ist ein hochwirksamer Agonist am GABA-A-Rezeptor – dem wichtigsten hemmenden Neurotransmitter-Rezeptor im Gehirn. Die Bindung führt zu einer verstärkten Öffnung von Chloridkanälen, was die Erregbarkeit der Nervenzelle herabsetzt.
  • Ibotensäure ähnelt strukturell dem exzitatorischen Neurotransmitter Glutamat und wirkt sowohl am NMDA- als auch am metabotropen Glutamatrezeptor (mGluR).

Stufe 4: Was geschieht subjektiv?

Die kombinierte Wirkung beider Substanzen führt zu einem komplexen klinischen Bild, das in der toxikologischen Literatur als Pantherina-Muscaria-Syndrom beschrieben wird. Typische dokumentierte Symptome sind:

  • Übelkeit und gastrointestinale Beschwerden (häufigstes Frühsymptom)
  • Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Koordinationsprobleme
  • Schläfrigkeit und tiefer, oft unerquicklicher Schlaf
  • Verwirrtheitszustände mit teilweise lebhaften visuellen Eindrücken
  • Muskelzucken, in schweren Fällen Krampfanfälle

Die Wirkungsdauer beträgt typischerweise 6 bis 10 Stunden, mit einem Maximum nach 2 bis 4 Stunden. Die Wirkung klingt langsam ab, oft begleitet von einem mehrstündigen, teilweise unerquicklichen Schlaf. Tag-danach-Effekte (Müdigkeit, gastrointestinale Beschwerden) können sich noch ein bis zwei Tage erstrecken.

Stufe 5: Ausscheidung und Halbwertszeit

Sowohl Muscimol als auch Ibotensäure werden überwiegend unverändert über die Niere ausgeschieden. Die Halbwertszeit von Muscimol im menschlichen Plasma beträgt etwa 90 Minuten; die Ausscheidung ist nach etwa 24 Stunden weitgehend abgeschlossen.

Interessanterweise ist Muscimol über den Urin teilweise unverändert weiter aktiv – ein pharmakokinetisches Phänomen, das in der traditionellen sibirischen Praxis dokumentiert ist (Wasson, 1968). Die ethnobotanische Forschung hat dieses Phänomen ausführlich beschrieben.

Toxikologische Risiken

Trotz der relativ guten pharmakokinetischen Charakterisierung bleibt der Fliegenpilz-Verzehr aus toxikologischer Sicht nicht ungefährlich. Die natürliche Schwankungsbreite der Wirkstoffkonzentration in einzelnen Kappen ist erheblich (Faktor 3 bis 5 zwischen einzelnen Fruchtkörpern derselben Sammelsaison). Eine zuverlässige Mengenkontrolle ohne Laboranalyse ist daher praktisch nicht möglich.

Mehr zu Risiken und zur deutschen Rechtslage finden Sie in den Artikeln Kann man Fliegenpilze essen? und auf unserer Seite Rechtslage Fliegenpilz.

Disclaimer

Dieser Artikel beschreibt die neuropharmakologischen Prozesse aus einer wissenschaftlich-edukativen Perspektive. Er enthält keine Anwendungsempfehlung. Amanita muscaria ist offiziell als giftig klassifiziert und in keiner Form als Lebensmittel zugelassen. Unsere Produkte werden ausschließlich zu Sammler-, Forschungs- und Dekorationszwecken verkauft.